Feierabend im Werk Cornellá, 1925
Das offizielle Gründungsjahr von Siemens in Spanien ist 1895 – damals wurde in Madrid die erste Vertretung von Siemens & Halske für Spanien und Portugal eröffnet. 15 Jahre später erwarben die Siemens-Schuckertwerke die Industria Eléctrica S.A. und mit ihr deren Maschinenfabrik in Cornellá (Barcelona). Das Unternehmen zur Herstellung elektrischer Maschinen und Apparate galt damals als die bedeutendste und leistungsfähigste Fabrik Spaniens; es war 1897 von dem katalanischen Industriellen Lluis Muntadas y Rovira in Barcelona gegründet worden. In den Folgejahren investierte Siemens in Ausbau und Erweiterung des Werkes, das Motoren, Generatoren sowie Transformatoren für den spanischen Markt und den Export fertigte.
Ab 1914 war das Werk kriegsbedingt vom Berliner Stammhaus abgeschnitten. Insgesamt betrachtet profitierte die „Siemens Schuckert-Industria Eléctrica“, zu der die Fabrik in Cornellá gehörte, jedoch aufgrund der Neutralität Spaniens vom Ersten Weltkrieg. 1919 kam es zu einer starken Nachfragebelebung, 1923 wurde das Produktionsspektrum um Hoch- und Niederspannungsschaltgerät, Elektrizitäts- und Wasserzähler, Verriegelungen für Eisenbahnweichen sowie Warmwasserbereiter und Bügeleisen erweitert. Als König Alfonso XIII die Fabrik 1925 besuchte, erstreckte sich das Gelände auf eine Fläche von über 50.000 Quadratmetern.
Infolge des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939), der außenpolitischen Isolation nach dem Zweiten Weltkrieg und der protektionistischen Wirtschaftspolitik des Landes geriet Spanien im Verlauf der 1940er und 1950er Jahre in eine tiefe Wirtschaftskrise, die erst nach einer tiefgreifenden Reform der Wirtschaftspolitik überwunden werden konnte. Entsprechend erlebte das Werk Cornellá ab Ende der 1950er Jahre eine Blütezeit: 1966 konnte der zweimillionste Zähler, 1969 der millionste Motor ausgeliefert werden. Darüber hinaus war das Werk durch die Lieferung von Transformatoren, Generatoren und anderen Großmaschinen an der stürmischen industriellen Entwicklung Spanien maßgeblich beteiligt. Mit über 2.500 Mitarbeitern zählte Cornellá Mitte der 1970er Jahre zu einer der größten Siemens Fabriken außerhalb Deutschlands.
Während der sogenannten Transición (1976–1982), der Übergangsphase vom Franquismus zu einer parlamentarischen Demokratie westlichen Musters, reagierten die Verantwortlichen auf die veränderten Marktbedingungen, indem sie Kapazitätsanpassungen vornahmen und das Fertigungsprogramm strafften. Als Folge dieser Restrukturierungsmaßnahmen wurde beispielsweise die Produktion von Transformatoren, thermischen Relaises, Mittelspannungsschaltern und -trennschaltern eingestellt.
1985 konnte das Werk sein 75-jähriges Jubiläum feiern; ein Jahr zuvor waren mit Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandorts große Investition in die Modernisierung des Maschinenparks und der Anlagen getätigt worden. Mit Erfolg: So werden insgesamt 490 Maschinen, darunter Motoren und Generatoren, mit einer Gesamtleistung von 135.000 kW für das Kernkraftwerk Trillo geliefert. Ebenfalls Mitte der 1980er Jahre werden die zwei größten Motoren, die bis dato in Cornellá gefertigt wurden, ausgeliefert; sie treiben Walzstrassen der Kunden Altos Hornos de Vizcaya und ACERINOX an.
Seit der Jahrtausendwende hat sich das Werk in Cornellá zu einem modernen Fertigungsstandort für Produkte des Schienenverkehrs entwickelt. Die drei Produktlinien sind Antriebsmotoren, Konverter und Bahnsignalisierung. Über den heimischen Markt hinaus liefert Cornellá elektrische und elektronische Antriebe für Straßen-, U- und S-Bahnen sowie Lokomotiven, Züge und Hochgeschwindigkeitszüge in alle fünf Kontinente. Darüber hinaus fungiert Cornellá als Logistikzentrum für die Hochgeschwindigkeitsstrecke Madrid–Saragossa–Barcelona.
Zum Weiterlesen
Javier Loscertales, Deutsche Investitionen in Spanien 1870–1920, Stuttgart 2002.
05.08.2010 | Sabine Dittler
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