Hauptgebäude des Röntgenröhrenwerks, ca. 1922
Die in dieser Dissertation untersuchten Gründerjahre des Rudolstädter Röntgenröhrenwerks fallen in eine Zeit, in der mehrere große wirtschaftliche Krisen Deutschland erschütterten. Neben der Inflation Anfang der 1920er Jahre prägten der Börsencrash im Oktober 1929 und die folgende Phase der wirtschaftlichen Stagnation die deutsche Gesellschaft nachhaltig. Am Beispiel des Röntgenröhrenwerkes wird deutlich, dass derartige Krisen aber auch Anstoß für strukturelle Veränderungen sein können.
Zunächst als GbR von einem Glasbläser und einem Ingenieur gegründet, wurde das Werk als Zulieferer der Röntgenindustrie immer weiter ausgebaut. 1925 übernahm Siemens den Betrieb als Teil des Reiniger, Gebbert & Schall-Konzerns. Das bereits zur damaligen Zeit weltweit erfolgreiche Unternehmen entledigte sich mit diesem Schritt aber nicht eines kleineren Konkurrenten, sondern erkannte dessen Potential an. Konsequent wurde fortan in Ausbildung und Ausrüstung am Standort Rudolstadt investiert.
1932 fusionierte die medizintechnische Abteilung von Siemens & Halske in Berlin mit der Reiniger, Gebbert & Schall AG zu den Siemens-Reiniger-Werken. Bis Kriegsende waren die „SRW“ in vielen Bereichen Weltmarktführer in der Medizintechnik. Eine Entwicklung, von der auch das Röntgenröhrenwerk in Rudolstadt entscheidend profitierte: Durch Abgabe der eigenen Berliner Röntgenröhrenfertigung an Rudolstadt vergrößerte Siemens die Produktion in Thüringen und investierte stark in Infrastruktur und Belegschaft. Dafür sprachen zum einen die günstigen Lohn- und Materialkosten in Mitteldeutschland im Vergleich zu Berlin, zum anderen die bereits jahrhundertealte Tradition im Glasblasen. Diese Fertigkeit war eine Grundvoraussetzung für die Produktion qualitativ hochwertiger Röntgenröhren und gerade im Gebiet von Rudolstadt schon lange verbreitet. Spätestens mit Erfindung der Pantix-Röhre 1933 beweisen die Rudolstädter auch ihren Erfindergeist; diese Röhre brachte der Röntgentechnik der SRW den endgültigen weltweiten Durchbruch. Aufbau und Funktionsweise der Pantix-Röhre wurde maßgebend und bildeten die Grundlage moderner Röntgenröhren. Das Rudolstädter Werk vergrößerte in der Folge seine Belegschaft stetig und beschäftigte zu Kriegsausbruch rund 300 Menschen.
Die Dissertation, die die Entwicklungsgeschichte des Rudolstädter Werks von den Anfängen bis 1939 analysiert, entstand am Zentrum für Angewandte Geschichte der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie wurde durch das Siemens Med-Archiv und dessen Leiterin Doris-Maria Vittinghoff in Erlangen entscheidend gefördert. Im Rahmen der Recherchen konnten neben den Akten in Westdeutschland erstmals auch ein umfangreicher Bestand im thüringischen Werk selbst sowie in thüringischen Archiven gesichtet und bearbeitet werden. Dadurch entstand ein facettenreiches Bild der ersten 20 Jahre des Bestehens. Das Werk existierte übrigens auch in der DDR als Volkseigener Betrieb, wurde nach der Wende von Siemens wieder übernommen und produziert auch heute noch – nach über 90 Jahren – Röntgenröhren am gleichen Standort mitten in Rudolstadt.
18.05.2010 | Dr. Florian Kiuntke