Nowotny: Im Sektor Energy arbeiten wir derzeit an Lösungen für intelligente Stromnetze sowie an der Weiterentwicklung von Netzleitsystemen für die neuen Anforderungen dieser Smart Grids. Hier geht es darum, mittels Software die Energieerzeugung und -verteilung optimal zu steuern und dadurch die Umwelt zu schonen. Damit leisten wir einen Beitrag zum „grünen“ Infrastrukturkonzern Siemens. Aber auch in den anderen Sektoren beschäftigen uns aktuelle Themen, etwa industrielle Automatisierungssysteme mit hohen Sicherheitsanforderungen oder die Darstellung und intelligente Auswertung von Gesundheitsdaten. An Schlüsselentwicklungen des Konzerns mitzuwirken ist sehr motivierend für unsere Mitarbeiter.
Höfner: Auch in Indien arbeiten wir an vielen spannenden Themen, daher fällt es mir schwer, etwas herauszugreifen. Vielleicht ein kleineres, aber sehr interessantes Thema: Wir arbeiten mit an der Software, die die Feuersicherheit im Airbus A380 überwacht. Generell bringt ja oft Software erst die Intelligenz in die Produkte. Zum Beispiel bei intelligenten Stromnetzen oder Gebäudemanagementsystemen. Oder man muss riesige Datenmengen verarbeiten, etwa bei einer Simulation des schlagenden Herzens. Oder es geht um die Fusion von Bildern, die gleichzeitig von einem Magnetresonanz- und einem Positronenemissions-Tomographen in einem einzigen Gerät, dem MR-PET Biograph mMR, erzeugt werden. All das sind Themen, an denen wir beteiligt sind.
Nowotny: Wir wollen Software mit Topqualität liefern, daher nutzen wir gezielt die Erfahrung der über 3.000 Mitarbeitern im gesamten DC. Dahinter steckt auch unser Gründungsgedanke: die Kompetenzen für Software-Entwicklung bündeln und nicht in den Siemens-Sektoren unabhängig voneinander aufbauen.
Höfner: Ein Entwicklungsleiter in einem Sektor verfolgt ja eine Geschäftsstrategie für seine Produkte und danach richtet er aus, wo er die nötige Software entwickeln lässt. Manches geht mit Nearshoring, manches mit Offshoring, etwa in Indien. Beide Lösungen haben ihre Stärken, und wir können beides anbieten. Ein Ziel ist auch, Software-Entwicklung planbarer zu machen. Dafür braucht man aber eine gewisse kritische Masse. Die wiederum zieht Toptalente an: So können wir als DC leichter Mitarbeiter für uns gewinnen, als es eine einzelne Geschäftseinheit könnte, vor allem in Indien. Wir können die richtigen Kompetenzen aufbauen und bieten durch unsere Größe bessere Karrieremöglichkeiten.
Nowotny: Wir haben uns auch DC-weit den Recruitingprozess angesehen und harmonisiert, also die Anforderungsprofile für die Mitarbeiter, ihre Ausbildungsgänge und die Weiterbildung. Und wir werden weitere Schlüsselprozesse untersuchen, etwa die Abwicklung von Aufträgen, also wie Software bei uns entsteht.
Höfner: Siemens hat eine abgestimmte Gesamtstrategie, um die Software-Bedürfnisse der Sektoren bestmöglich zu erfüllen. Insofern besteht kein Wettbewerb untereinander. Aber natürlich steht die Corporate Technology insgesamt im Wettbewerb, auch mit externen Partnern. Wir müssen immer so gut sein, dass unsere Leistung entsprechend nachgefragt wird.
Höfner: Das ist pauschal schwer zu beantworten. Je nach Wunsch unserer Partner in den Geschäftseinheiten können wir die gesamte Bandbreite von vollständiger Produktentwicklung inklusive Requirements Engineering – also der Formulierung der Anforderungen an die Software – übernehmen, oder nur einzelne spezielle Tätigkeiten wie Software-Tests oder nur die Codierung der Software.
Nowotny: Unsere hohen Qualitätsansprüche müssen quer durch die Organisation gelebt werden. Entscheidend ist, genau zu wissen, was der Kunde benötigt, sowie das Bewusstsein aller Mitarbeiter, dass Qualität die Basis des Erfolgs ist. Dazu machen wir regelmäßig Kundenbefragungen und wir haben Key Performance Indikatoren aufgestellt, die laufend überprüft werden. Zudem gibt es interne Audits, um unsere Prozesse ständig zu verbessern sowie externe Bewertungen, die nach international definierten Standards erfolgen. So ist der Standard „CMMI Level 3“ die bei Siemens für Software- Entwicklung festgelegte Messlatte.
Höfner: Das trifft nicht mehr zu. Unsere Fluktuation ist inzwischen relativ gering. Mit sieben Prozent im Jahr 2010 gegenüber einem Industriedurchschnitt von mehr als 15 Prozent sind wir Best-in-class. Wir sind ein attraktiver Arbeitgeber mit spannenden Inhalten. Wir bilden unsere Mitarbeiter gut aus und bieten ihnen Karrierechancen im ganzen Konzern. Die geringe Fluktuation ist wichtig, weil unsere Mitarbeiter neben dem Software-Engineering insbesondere auch Domänenwissen, also Anwendungswissen, brauchen. Sie müssen etwas verstehen von den Produkten und Systemen, die Siemens herstellt, von Industrieanlagen, Steuerungssystemen, Energieverteilung oder bildverarbeitenden Systemen in der Medizintechnik.
Höfner: Wie gerade gesagt: Die Arbeit bei uns ist sehr attraktiv. In Indien hat Siemens einen enorm hohen Markenwert. Da fällt es leichter, gute Köpfe zu bekommen. Wir pflegen auch enge Kontakte mit Universitäten, Forschungsinstituten und der FuE-Community.
Höfner: Einfach Informatik studieren, mit FokusSoftware-Engineering. Wir haben zwar auch viele Physiker, Chemiker oder Ärzte. Unsere Kernkompetenz ist aber die Software. Ich bringe einem Informatiker leichter das Domänen wissen bei, als einem Chemiker Software-Entwicklung.
Höfner: Das ist kaum vorhersehbar. Dazu verläuft die Entwicklung zu schnell. Zwei Dinge scheinen mir aber klar: Ich gehöre zur Generation der „Digital Immigrants“, das heißt, wir sind in die digitale Welt eingewandert. In der digitalen Welt groß geworden ist hingegen die heutige Generation, das sind die „Digital Natives“, also sozusagen die Eingeborenen. Deren Verhalten und Arbeitsweisen werden enorme Auswirkungen auf die Software der Zukunft haben, die wir heute nur schwer absehen können.
Nowotny: Ich würde noch einen zweiten Punkt nennen. Der Anteil an Software in allen Produkten wird weiter steigen. Beispiel Auto: Ein Energiesystem mit Elektroautos als Energiespeicher im Verbund mit Smart Grids wird sehr viel mehr Software enthalten, als diese einzelnen Systeme heute. Ein weiteres Thema ist Cloud Computing, das Internet der Dinge, die Virtualisierung. Da stehen wir heute noch am Anfang. Unser Fernziel bleibt eine „Zero Defect Software“, also Programme ohne Fehler. Ob wir das in zehn Jahren schon erreichen, wissen wir heute noch nicht, aber das streben wir an.