Nicht alle Erfindungen, die bei Siemens entstehen, lassen sich innerhalb des Unternehmens direkt in Produkte umsetzen. Darunter sind häufig innovative und patentrechtlich abgesicherte Technologien, die einen nachhaltigen Erfolg am Markt versprechen. Um den Wert dieser Technologien zu heben und die Marktchancen zu nutzen, hat Siemens 2001 die Siemens Technology Accelerator GmbH (STA) als 100-prozentiges Tochterunternehmen der Siemens Corporate Technology gegründet. Die Aufgabe des STA ist es, derartige potenziell profitable Innovationen zu erkennen und zu vermarkten.
Ein Meer von Energie: Lichtschalter von EnOcean brauchen keine externe Energiequelle – sie nutzen die Energie, die beim Drücken des Schalters aufgewendet wird.
Oft ist die Gründung eines Spin-off-Unternehmens der beste Weg der Vermarktung. Dann unterstützt STA die Gründer in der ersten Phase in jeder Hinsicht – organisatorisch, rechtlich, finanziell und in der Zusammenarbeit mit renommierten Investoren. Davon profitieren alle Beteiligten: Partner und Investoren bekommen Zugang zu innovativen Technologien und zum weltweiten Siemens-Netzwerk. Die Gründer erhalten eine professionelle Unterstützung, und Siemens verdient an der Umsetzung von konzerneigenen Entwicklungen, auch wenn die Endprodukte nicht zum Kerngeschäft gehören.
Eine völlig neuartige Idee stand Pate bei der Gründung des heutigen Weltmarktführers für kabel- und batterielose Funksensorlösungen: EnOcean. Entwickler bei Siemens Corporate Technology hatten Funksensoren erfunden und patentiert, die ohne externe Energiequellen auskommen. Sie beziehen ihren Betriebsstrom etwa aus der Energie, die beim Drücken eines Schalters aufgewendet wird, oder aus kleinen Temperaturunterschieden. Zusammen mit STA analysierte ein Team, wo die größten Marktchancen liegen. Nachdem sie zu der Erkenntnis kamen, dass die neue Technologie vor allem in der Gebäudeinstallationstechnik bei Licht- und Zustandsschaltern konventionellen Produkten überlegen ist, suchte das STA-Team nach Pilotkunden und erstellte einen Businessplan.
Zusätzlich zu den fünf Siemens-Mitarbeitern, die als Gründer in die Spin-off-Firma EnOcean wechselten, rekrutierte STA weitere Experten und half beim Abschluss der ersten Finanzierungsrunde mit Risikokapital. Diese Hürde zu überwinden ist für junge Firmen äußerst schwierig, da sie hohen Kapitalbedarf haben, aber noch keine Umsätze erwirtschaften. Bei EnOcean gelang es STA in kurzer Zeit, etablierte Venture Capital-Investoren für die Geschäftsidee zu gewinnen. So konnte die Firma aus Oberhaching bei München schnell expandieren. Dabei profitierte EnOcean in hohem Maße auch von den vielfältigen Geschäftsverbindungen von Siemens. Mit Vorzeigeprojekten wie dem 236 Meter hohen Bürogebäude „Torre Espacio“ in Madrid, das komplett mit der kabellosen Funksensortechnik von EnOcean ausgerüstet wurde, gelangte das junge Unternehmen schnell zu internationaler Bekanntheit.
Die Suche nach dem richtigen Firmenstandort hängt von vielen Faktoren ab. So ist Pyreos im schottischen Edinburgh angesiedelt. Pyreos ist ein vom STA 2007 gegründetes Spin-off-Unternehmen, das innovative Infrarotsensoren entwickelt und herstellt, die etwa in Bewegungsmeldern und Kameras eingesetzt werden. Für die Produktion ist die Nähe zu spezialisierten Halbleitertechnik-Lieferanten wichtig, die in Schottland bereits vorhanden sind. Zudem fand STA in Edinburgh neben den technischen Voraussetzungen auch hervorragende Experten für das Management-Team von Pyreos sowie lokale spezialisierte Risikokapital-Investoren.
Nach der ersten Gründungsphase von Spinoff-Firmen durch STA übernehmen dann mehr und mehr Risikokapital-Investoren die weitere Finanzierung. Dazu kann auch Siemens Venture Capital, ebenfalls eine 100-prozentige Siemens-Tochter, gehören. STA und damit Siemens behält aber immer eine Minderheitsbeteiligung, bis das Spin-off-Unternehmen entweder selbst an die Börse geht oder von einer anderen Firma gekauft wird. Beide Fälle markieren den Abschluss einer erfolgreichen Gründungs- und Aufbauphase.
Eine weitere Möglichkeit der Vermarktung von Siemens-Technologien ist der Verkauf. Dies ist vor allem bei Innovationen der Fall, für deren Markterfolg eine bestehende Fertigungsstruktur oder ein etabliertes Vertriebsnetz entscheidend sind. Ein Beispiel dafür sind die bei Corporate Technology entwickelten Piezo-Antriebe. Dabei handelt es sich um innovative Kleinmotoren, die sich hervorragend für hochdynamische, präzise und zugleich kraftvolle mechanische Steuerungsaufgaben eignen. Für diese Antriebe benötigt man neben Spezialwissen in der Piezotechnik auch die Vertriebswege in eine Vielzahl von Industrien, die derartige Kleinmotoren einsetzen. Das STA-Team suchte deshalb nach einem Käufer, der diese Voraussetzungen mitbringt und zusätzlich die Anforderung derjenigen Siemens-Geschäfte erfüllen kann, die hohes Interesse am Zukauf und Einsatz der Piezo-Antriebe als Komponenten in ihren Systemen zeigen. Genau dies gelang mit dem Verkauf der Piezo-Antriebstechnologie an die dänische Firma Noliac, einem renommierten Spezialisten für Piezo-Komponenten. Siemens profitiert somit doppelt: Neben dem Verkaufserlös für die Technologie wurde damit für Siemens auch ein Lieferant für innovative Piezoantriebe geschaffen, die sonst auf dem Markt nicht verfügbar wären.
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