Reportage Singapur
Zukunftsweisende Technologien für eine nachhaltige Stadt
Treffpunkt: Singapur, Esplanade, 12. August 2011, 12:00 Uhr
Khoo Teng Chye, Leiter der nationalen Wasseragentur PUB sowie Geschäftsführer des Centre for Liveable Cities, und Steffen Endler, Siemens-City-Account-Manager in Singapur, sprechen über die Herausforderungen, denen sich Singapur gegenübersieht, und erörtern, was Siemens zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung beitragen kann.
Die rasante Entwicklung Singapurs ist einer vorausschauenden Strategie der politischen Entscheidungsträger zu verdanken. Die Insel selbst verfügt nur über wenige natürliche Rohstoffreserven. Vor allem Trinkwasser ist in Singapur eine kostbare Ressource, da die natürlichen Vorkommen für die Versorgung der Bevölkerung nicht ausreichen. Doch die Geschichte Singapurs hat gezeigt, dass gerade schwierige Rahmenbedingungen Kräfte freisetzen, die letztlich zum Erfolg führen. Singapur ist heute ein weltweites Zentrum für Wassertechnologie.
- __Khoo Teng Chye (im Bild links)
- Khoo Teng Chye ist seit 2003 Leiter der nationalen Wasseragentur PUB in Singapur und leitet zudem das Centre for Liveable Cities. Darüber hinaus ist er Mitglied der Geschäftsführung von SUI (Singapore Utilities International), einer auf Wasser- und Abwassertechnologien spezialisierten Tochtergesellschaft von PUB, sowie Vorstandsmitglied der IDA (International Desalination Association), einer Nichtregierungsorganisation der Vereinten Nationen, die in der Forschung für Wasserversorgungs-, Wasseraufbereitungs- und Entsalzungstechnologien aktiv ist. Ferner ist er Vorstandsmitglied im internationalen Verband der Wasserexperten IWA (International Water Association) und Mitglied im Civil Service College Board von Singapur.
- __Steffen Endler (im Bild rechts)
- Steffen Endler ist seit 2011 Siemens-City-Account-Manager in Singapur. Darüber hinaus nimmt er weitere wichtige Funktionen in der Siemens-Landesgesellschaft wahr: Als Senior Vice President betreut er die Bereiche Business Development und Siemens One. Seit 2006 ist er für die Geschäftsentwicklung und die Pflege der Regierungsbeziehungen in Singapur verantwortlich und leitet seit dem Jahr 2008 die Bereiche Strategie, Corporate Sustainability und das Key-Account-Management im ASEAN-Raum.
- 01__Steffen Endler
- Was ist für Sie eine nachhaltige Stadt?
- 02__Khoo Teng Chye
- Nachhaltigkeit ist für Singapur schon seit seiner Unabhängigkeit vor über 46 Jahren ein Thema. Wir sind eine Insel ohne größere Landflächen und ohne natürliche Ressourcen wie Trinkwasser oder Energie. Nachhaltige Entwicklung war für uns also schon immer überlebenswichtig. Wir mussten uns unentwegt Gedanken darüber machen, wie wir weiter wachsen können, und dies auf eine Weise, die die Umwelt schont und gleichzeitig eine langfristig hohe Lebensqualität für unsere Bürger sichert. Bereits vor einigen Jahrzehnten – das heute in Mode gekommene Schlagwort »Nachhaltigkeit« existierte noch gar nicht – begann Singapur, den damit verbundenen Gedanken konsequent in die Tat umzusetzen. Die Stadt verfolgte die Strategie, wirtschaftliches Wachstum anzustreben und gleichzeitig dem Wohl der Umwelt und der Lebensqualität ihrer Bürger zu dienen.
- 03__Steffen Endler
- Was sind die größten Herausforderungen, denen sich Singapur gegenübergestellt sieht – heute und in der Zukunft?
- 04__Khoo Teng Chye
- Ein Thema, das für Singapur wie für die ganze Welt eine Herausforderung darstellt, ist der Klimawandel. Es müssen sowohl Strategien für Gegenmaßnahmen als auch Wege der Anpassung gefunden werden. Zum Beispiel muss Singapur als kleine Insel, die von Energieimporten abhängig ist, auf mehr Effizienz setzen und alternative Energiequellen erschließen. Nur so kann es sich auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten. Ich bin aber überzeugt, dass wir dank unserer Investitionen der vergangenen Jahrzehnte für die kommenden Herausforderungen gewappnet sind.
- 05__Steffen Endler
- Da stimme ich Ihnen zu. Singapur hat sich sehr ehrgeizige Energieeffizienzziele gesetzt und kommt diesen Vorgaben immer näher. Im vergangenen Jahr hat Siemens zum Beispiel ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk an das Unternehmen PowerSeraya übergeben. Es speist nicht nur Strom in das öffentliche Netz ein, sondern liefert gleichzeitig heißen Prozessdampf für die chemische Industrie auf Jurong Island. Im Kraft-Wärme-Kopplungs-Modus stößt dieses Kraftwerk 40% weniger CO2 aus als sein Vorgänger. Die Brennstoffnutzung wurde auf über 75% gesteigert.
- 06__Khoo Teng Chye
- Ein weiterer für die künftige Entwicklung Singapurs besonders wichtiger Aspekt ist Wasser. Effiziente und sparsame Wassernutzung wird bei uns großgeschrieben. Deshalb versuchen wir, möglichst viel von anderen Städten der Welt zu lernen. Um sich selbst versorgen zu können, ist Singapur trotz allem weiterhin darauf angewiesen, sein Wasser industriell zu produzieren und seine Wasserressourcen sehr sorgsam zu behandeln. Wie München mit der Isar verfährt, ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Stadt aus ihren natürlichen Wasservorkommen attraktive Lebensräume für ihre Einwohner schaffen kann. Über eine enge Zusammenarbeit mit Unternehmen wie Siemens versuchen wir, in der Herstellung von sauberem Trinkwasser Fortschritte zu machen. Siemens hat uns mit seiner Expertise bei der industriellen Trinkwasserproduktion sehr geholfen.
- 07__Steffen Endler
- Die Zusammenarbeit mit PUB für unsere Forschung und Entwicklung im Bereich Wasser ist ein wahres Highlight. Die Rahmenbedingungen hier in Singapur, die es uns erlauben, unsere Forschung und Entwicklung nahe am tatsächlichen Geschäft durchzuführen, sind einzigartig.
- 08__Khoo Teng Chye
- Es ist eine Partnerschaft, die darauf gründet, dass Wasser für Singapur eine strategische Ressource darstellt und wir in neue Wassertechnologien investieren müssen, wenn wir langfristig eine nachhaltige Wasserwirtschaft betreiben wollen. Mithilfe von Siemens sind wir in der Lage, »NEWater« herzustellen beziehungsweise Abwasser aufzubereiten. Für die Zukunft setzen wir verstärkt auf Entsalzungstechnologien und arbeiten daran, den Energieverbrauch der Anlagen zu reduzieren. Die Regierung hat über die National Research Foundation bis dato rund 170 Mio. € für die Forschung auf diesem Gebiet zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns sehr, dass auch Siemens mit uns gemeinsam in den Aufbau des Wasserforschungszentrums in Singapur investiert hat. Dies ist ein Musterbeispiel für eine gute Partnerschaft zwischen der Regierung und dem privatwirtschaftlichen Sektor.
- 09__Steffen Endler
- Der Energieverbrauch heute gängiger Meerwasserentsalzungsanlagen liegt bei etwa 7 kWh /m³. Die besten derzeit verfügbaren Technologien verbrauchen nur noch um die 3,5 bis 4 kWh /m³, und mit unserem aktuellen Entwicklungsprojekt lässt sich der Verbrauch jetzt sogar auf 1,5 kWh /m³ senken. Nach zwei Jahren intensiver Entwicklungsarbeit läuft seit Dezember 2010 eine Piloteinheit mit der neuen Technologie in einer der Anlagen von PUB. Es wird allerdings noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen, sie zur Marktreife zu bringen. Aber wenn es so weit ist, können wir unseren Kunden eine Technologie anbieten, an der weltweit Bedarf besteht. Unser globales Zentrum für Forschung und Entwicklung hier in Singapur beschäftigt sich auch mit anderen Technologien wie der modernen biologischen Abwasseraufbereitung, bei der man sich den meist hohen Nährstoffgehalt von Schmutzwasser für die Energiegewinnung zunutze macht – einer Wasseraufbereitung also, für die keine Energie zugeführt werden muss.
- 10__Khoo Teng Chye
- Wie dieses Beispiel zeigt, ist Singapur eine Art lebendes Labor. Wir entwickeln und bauen sogar neue Städte nach einem ganzheitlich orientierten Ansatz, der auf ökologischen Prinzipien und dem Grundsatz der Nachhaltigkeit beruht. Ein Beispiel dafür ist Punggol im Nordosten des Stadtstaats.
- 11__Steffen Endler
- Diesen Ansatz greifen wir auch in unserer Ausstellung »City of the Future« auf, die Siemens 2009 in Singapur eröffnet hat. Hier werden die neuesten technologischen Innovationen von Siemens im Bereich Stadtentwicklung erlebbar. Interessierte aus aller Welt haben die Ausstellung seit ihrer Eröffnung vor zwei Jahren besucht. Sie bietet uns eine Plattform zum Austausch mit Stadtverantwortlichen, die uns hilft, die urbanen Szenarien, Herausforderungen und Bedürfnisse der Gegenwart besser zu verstehen und den Entscheidungsträgern zu zeigen, wie unsere Vision von der Stadt der Zukunft aus der technologischen Perspektive aussieht.
- 12__Khoo Teng Chye
- Diese Ausstellung führt allen Stadtverantwortlichen, Städteplanern und Bürgermeistern sehr anschaulich vor Augen, dass die Probleme einer Stadt nur durch einen integrierten Ansatz gelöst werden können. Und sie zeigt, dass Technologie dabei eine große Rolle spielt, ebenso wie entsprechende Richtlinien und Investitionen. Das beste Beispiel ist Singapur selbst: Technologische Lösungen funktionieren nur auf Basis entschlossener Führung und durchdachter Vorgaben.
- 13__Steffen Endler
- Singapur ist in puncto Nachhaltigkeit sicherlich ein gut entwickelter Markt, doch aus unserer Sicht besitzt die Stadt noch deutlich mehr Potenzial. So ist Siemens derzeit dabei, Singapurs Metrolinie »Downtown Line« zu elektrifizieren. In einem weiteren mehrjährigen Projekt haben wir außerdem das Kommunikationssystem bestehender Stationen modernisiert. In den kommenden zehn Jahren will Singapur mit hohen Investitionen zwei neue Linien bauen lassen. Siemens hat großes Interesse an der Bereitstellung der Züge, Automatisierungssysteme, Stromversorgung und Kommunikationssysteme für diese Linien. Mit der Installation einer Ladestation für Elektroautos in unserem Siemens Center in Singapur haben wir ein weiteres Projekt realisiert und verfolgen nun das Ziel, führender Partner von Singapur für Elektrofahrzeuge und Elektromobilitäts-Infrastruktur zu werden. Als Insel ist Singapur durch seine natürlichen Grenzen auch hierfür ein nahezu ideales Testterrain. Wir hoffen, dass die Regierung von Singapur Elektromobilität als zukunftsträchtige Form der Mobilität für den privaten wie den öffentlichen Verkehr fördert.
- 14__Khoo Teng Chye
- Urbanisierung, mehr und mehr Menschen, die in Städten leben – dies ist eine Herausforderung, mit der wir uns nicht nur in Singapur konfrontiert sehen. Mit ihr haben sich ganz Asien und der Rest der Welt zu befassen. Zudem müssen wir mit dem Klimawandel adäquat umgehen. Siemens bietet für die Bereiche Wasser, Energie und Mobilität passende Lösungen, was sich in den nächsten Jahren sicherlich in Form einer steigenden Nachfrage bestätigen wird.